Ein kleines Lehrstück über Platzhirsche, Luchse und Demokratie

In der Bundesrepublik Deutschland ist die freiheitlich-demokratische Grundordnung Basis der Gestaltung des Zusammenlebens von mehr als 82 Millionen Menschen. Diese freiheitlich-demokratische Grundordnung gilt nicht nur im Bund und den Bundesländern, sondern auch in den Gemeinden und impliziert Ordnungen, deren Realisierung auf dem Willen des Volkes beruht und den ausführenden Ordnungsorganen aufgibt, dem Volk zur Rechenschaft verpflichtet zu sein.

Derlei sollte auch für Baden-Baden gelten. Allerdings haben sich in jüngster Zeit doch recht denkwürdige Phänomene aufgetan beziehungsweise geschlossen. Von der Öffentlichkeit ausgeschlossen wurden beispielsweise kurz nach Dienstantritt Oberbürgermeister Wolfgang Gerstners im Juni 2006 die Beratungen in den einzelnen Fachausschüssen des Gemeinderats. Dieser Nichtöffentlichkeits-Strategie folgte zum Jahreswechsel 2007/2008 die Absichtsbekundung "der Verwaltung", sprich derjenigen, die von den Bürgern für die regelnde Arbeit zum Wohl der Bürger entlohnt werden, die Öffentlichkeit, im konkreten Fall die Presse, künftig erst zwei Tage vor einer öffentlichen Sitzung mit Informationsmaterial zu versehen. Hinreichend Zeit für Aufarbeitung, Recherche und Berichterstattung wäre damit kaum mehr gegeben gewesen.

Grundgesetz Baden-Baden © by Wolfgang Peter

Und siehe, die Parteien wehrten sich gegen diese Absicht und gingen an die Öffentlichkeit. Vom "Wunsch nach Öffentlichkeit" der Freien Wähler und der Grünen war am 19. Januar 2008 in den Badischen Neuesten Nachrichten zu lesen. Vier Tage später setzte die CDU mit der Forderung nach mehr Öffentlichkeit nach. Den Anfang der Meldungen machte am 18. Januar das Badische Tagblatt mit der Überschrift "SPD, Grüne und FDP für Offenheit" und zitierte unter anderem die FDP, die festhielt, dass die Rechte und Befugnisse des Gemeinderats und der Presse nicht übergangen werden dürfen, und: "verantwortlich ist nicht nur der Platzhirsch." Der SPD-Fraktionsvorsitzende wurde noch deutlicher. Die nichtöffentlichen Vorberatungen seien "nicht hinnehmbar", Herr Gerstner habe die nichtöffentliche Vorberatung "im Alleingang gegen den Rat aller Fraktionen" zur Regel gemacht. Der OB unterliege dem "Irrglauben, alles alleine machen zu können."

Das Ergebnis dieses kollektiven Aufbegehrens der Gemeinderatsfraktionen war zwar einerseits die Zusage des Oberbürgermeisters, die Unterlagen für öffentliche Sitzungen vier Tage vor dem jeweiligen Termin zu veröffentlichen (BT, 23.01.2008), andrerseits aber bleibt es bei dem nichtöffentlichen Tun der Fachausschüsse.

"Verwaltung will Luchspfad: Tür soll geschlossen bleiben" (BT, 11.02.2008) Diese Schlagzeile leitet einen Bericht über einen Beschwerdebrief eines SPD-Stadtrats an den für den Forst zuständigen Dezernenten ein. Tenor des Schreibens: Die Tagesordnung der nichtöffentlichen Sitzung des Forstausschusses, der am 14. Februar 2008 zusammentreten soll, zeige Themen auf, die nicht nur eine große Anzahl an Bürgern interessiere, sondern darüber hinaus in Landkreis und Bundesland oder gar bundesweit auf große Aufmerksamkeit stoßen könne. Um sich keiner Ordnungsstrafe auszusetzen, hat der Stadtrat keine genaue Formulierung dieser "geheimen Tagesordnung" genannt. Allem Anschein nach soll jedoch neben anderem die
Einrichtung eines Luchspfades beraten werden. Warum dies hinter verschlossenen Türen geschehen soll, ist kaum nachvollziehbar, wurde dieses Unterfangen doch bereits Ende Oktober 2007 nicht nur in der Lokalpresse sondern sogar weltweit im Internet verbreitet.

Tja, und der "gemeine Bürger", wie reagiert wohl er auf die restriktive Informationspolitik "der Verwaltung"?

Wachsam wie ein Luchs sollte er beobachten, ob der parteiübergreifende "Aufschrei" der heimischen Gemeinderäte weiter Wirkung zeigt und ob deren Engagement für die Aufrechterhaltung und Verbesserung demokratischer Verhältnisse anhält.

"Der Verwaltung" aber sollten nicht nur die Bürgervertreter im Gemeindeparlament, sondern alle Bürger verdeutlichen, dass diese Verwaltung von den Bürgern lebt und nicht die Bürger gnadenhalber von "der Verwaltung" gelitten werden.

Von Rika Wettstein, Februar 2008




Die Verwaltung reagierte prompt auf des Stadtrats Beschwerde. Mit Verweis auf die gesetzlichen Vorschriften der Gemeindeordnung Baden-Württembergs, wonach die Fachausschüsse in der Regel nichtöffentlich tagten, wies sie die Forderung des SPD-Manns, die Sitzung des Forstausschusses öffentlich abzuhalten, zurück.
(BT 12.02.2008)



Im Wahlkampf 2006 argumentierte Wolfgang Gerstner:
"Als Oberbürgermeister sehe ich mich allein dem Wohle der Bürgerinnen und Bürger von Baden-Baden und den Ortsteilen verpflichtet. Gemeinsam mit Ihnen und allen politisch Verantwortlichen will ich die Zukunft aktiv gestalten."

Es mag hilfreich sein, den ranghöchsten städtischen Beamten an seine Worte zu erinnern und deren Einhaltung anzumahnen.



In Baden-Baden gibt es bald einen Luchspfad und ein Wegenetz für Mountainbiker. Über das Ja des Forstausschusses in nicht öffentlicher Sitzung hat OB Wolfgang Gerstner in der öffentlichen Sitzung des Gemeinderats berichtet. (BT, 27.02.2008)




   Google Custom Search



Lesen Sie weitere Artikel von Rika Wettstein


Inhalt | News | Geschichte | Stadtplan | Sehenswert
Kunst + Kultur | Theater | Festspielhaus | Casino | Events | Thermen | Sport
Hotels | Restaurants | Cafés + Bars | Shopping
Stadtteile | Umgebung | Elsass
Adressen | Forum | Gästebuch | Shop | Awards | Links