Baden-Baden und das wichtige Interesse am Bäderengagement

Schock auf nüchternen Magen:

Allen Baden-Badenern, die am 8. November 2007 das Titelblatt des Badischen Tagblatts betrachtet haben, wird's wohl kräftig den Frühstücksappetit verdorben haben.

"Land soll die Bäder abstoßen" prangt als Schlagzeile über einem Foto des Kurhauses mit herbstlich eingefärbtem Kastanienzweig im Vordergrund und deutlich wahrnehmbarem feuchtem Vorplatz. Welch Sinnbild: die traditionsreiche, mithin nicht mehr so ganz junge Stadt mit ihrem fast 200 Jahre alten "neuen Kurviertel" jenseits der Oos wird im Regen stehen lassen, oder soll nach dem Willen des baden-württembergischen Rechnungshofes im Regen stehen gelassen werden.

Eine "beratende Äußerung" des Landesrechnungshofes empfiehlt, die Bäder- und Kurverwaltung Baden-Württemberg aufzulösen und mittelfristig "ernsthaft und nachdrücklich" den Rückzug aus dem Bäderbereich zu verfolgen, da kein "wichtiges Interesse" für das Bäderengagement des Landes erkennbar sei. Davon wären neben Baden-Baden auch Badenweiler, Bad Mergentheim und Bad Wildbad betroffen.

Die alten Römer hätten ob der Einstufung, ein wichtiges Interesse für ein Bäderengagement des Landes sei nicht erkennbar, wohl schallend lachen können, haben sie sich doch einst kräftig im Bäderbau im Oostal engagiert. Ach wären die
Kaiserthermen am Marktplatz nach ihrer Entdeckung doch nicht wieder im Erdreich verschwunden. Sie könnten so manchem kritischen Rechnungsprüfer im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen führen, welche kulturgeschichtliche Bedeutung die heißen Quellen für den Ort bereits vor rund 2000 Jahren hatten.

Indes, die Römer mussten im dritten Jahrhundert nach Christus weichen. Das Bäderengagement des Imperium Romanum fand damit ein Ende und wurde erst allmählich im 15. Jahrhundert in einer Art Landesregie wieder belebt, als Markgraf Bernhard I. die Privaten überlassenen Nutzungsrechte am Thermalwasser zurück kaufte.

Die Kunde der heilsamen Wirkung des Thermalwassers zog 1473 Friedrich III., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, zur Kur in die Residenzstadt der relativ unbedeutenden Markgrafschaft Baden, was sicherlich nicht rufschädigend gewesen ist.

Die Erfindung des Buchdrucks kam der werbewirksamen Verbreitung der Besonderheit des Wassers zugute und verhalf der Stadt und ihren verschiedenen Badhäusern zu einem gewissen Aufschwung, worunter auch die jeweiligen Landesfürsten sicherlich nicht zu leiden hatten.

Spekuliert werden kann, ob
Markgraf Ludwig Wilhelm möglicherweise nicht seiner Kriegsverletzung erlegen wäre, hätte er Baden-Baden nicht den Rücken gekehrt, sondern dem Wiederaufbau der Stadt nach ihrer Zerstörung im Jahr 1689 und der Nutzung der Quellen "wichtiges Interesse" geschenkt.

Er tat es nicht, seine beiden Söhne auch nicht, und so starb die katholische Linie der badischen Markgrafen aus, wovon die evangelische Linie der Markgrafen von Baden-Durlach gewissermaßen profitierte, auch wenn das Land ihrer Vettern stark herunter gewirtschaftet gewesen ist.

Sie erkannten den besonderen Reiz der Stadt und zeigten ein "wichtiges Interesse" an den Thermalquellen, was letztendlich im Bau des auf der Welt einmaligen
Friedrichsbades mündete.

Und dieses Bad samt seinem modernen und nicht weniger einmaligen Nachkömmling
Caracalla Therme soll nach Meinung des Landesrechnungsprüfungsamts von derart geringer Bedeutung sein, dass der Ausstieg aus dem Bäderengagement voranzutreiben sei?

Was dann? Werden dann mehr oder weniger zahlungskräftige Investoren gesucht, die mitten im Herzen des
Bäderviertels das Sagen bekommen? Die (Nicht)Geschichte um das Neue Schloss, das zwar nicht im Landesbesitz gewesen ist, aber als Symbol dafür herhalten kann, wie mit in privater Hand befindlichem Kulturgut umgegangen wird, sollte den Landesverantwortlichen eine überaus ernst zu nehmende Warnung sein.

Im Falle der Bäder haben sich das ehemalige Großherzogtum Baden, danach folgend das Land Baden und danach wiederum das Land Baden-Württemberg, also die zu Abgaben verpflichteten Bürger, über die Zeit mit Abermillionen Mark und Euro finanziell engagiert. Dieser Tatsache sollte die Prüfinstitution Rechnung tragen, da dies allein schon ein Grund dafür ist, den Bürgern ein "wichtiges Interesse" an den Bädern zuzugestehen.

Was die beabsichtigte Auflösung der Bäder- und Kurverwaltung Baden-Württemberg angeht, so erinnern sich wohl viele Baden-Badener der mit heftigen finanziellen Einbußen verbundenen so genannten
BKV-Reform, was ihnen gründlich jede Art des Appetits nehmen kann.

Wie schreibt BT-Lokalchef Patrick Fritsch in seinem Bericht zu der "beratenden Äußerung", die auch die deutliche Minderung von Landesleistungen an Baden-Baden zum Inhalt hat? "Baden-Baden wird wohl kämpfen müssen." So ist es. Und in diesem Fall sind nicht nur die
Lokalpatrioten gefordert.

Von Rika Wettstein, November 2007



Eine Pressemitteilung des Finanzministeriums Baden-Württemberg informierte am 12. März 2008:
"Der Ministerrat hat in seiner Sitzung am 11. März 2008 der Verlängerung der Rahmenvereinbarung zwischen dem Land Baden-Württemberg und der Stadt Baden-Baden zugestimmt. [...] Die Rahmenvereinbarung aus dem Jahr 1995, die Ende 2010 ausläuft, wird um weitere 10 Jahre bis zum 31. Dezember 2020 verlängert."



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