Baden-Baden Revolution 1968

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Als "Keimzelle" der rebellischen Vorgänge des Jahres 1968 in Baden-Baden ist das Markgraf-Ludwig-Gymnasium auszumachen, in welchem vor allem der damalige Schülersprecher Günter Degler mit etlichen anderen kritischen Jugendlichen die Verkrustungen des Schul- und Gesellschaftssystems anprangerte und zu Widerstand aufrief.

Streikaufruf gegen die Notstandsgesetze

Als direkter Auslöser der 68er Revolution in Deutschland kann die Absicht der 1966 an die Regierung gekommenen großen Koalition von CDU und SPD, Notstandsgesetze als Ergänzung ins Grundgesetz aufzunehmen, gesehen werden. Viele Bundesbürger empfanden diese Absicht als Bedrohung ihrer verfassungsrechtlich verbrieften Souveränität und als möglichen Wegbereiter für repressive oder gar diktatorische Machtausübung. Bundesweit wurden die Notstandsgesetze in kleinen und größeren Gruppen diskutiert und in Demonstrationen Unmut und Besorgnis artikuliert. In der Kurstadt demonstrierten die Notstandsgesetzgegner erstmals im September 1966.


Der seinerzeitige Oberbürgermeister Ernst Schlapper versuchte, derartige Kundgebungen durch Demonstrationsverbote zu unterbinden.Neben der Ablehnung der Notstandsgesetze sind weitere Gründe für die 68er Revolution zu nennen; beispielsweise das unbefriedigende Bildungs- und Ausbildungssystem, sowie die streng hierarchische häusliche und schulische Erziehung, die auf Vorstellungen und Vorgaben des 19. Jahrhunderts basierte. So lag der Berufsausbildung in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts immer noch die preußische Gewerbeordnung des Jahres 1866 zugrunde.

Spiegelaffäre 1962

Das selbstherrliche Autoritätsgebaren der Herrschenden, welches die Moral der Herrschenden zur herrschenden Moral erklärte, floss ebenso in die Diskussion ein wie der autoritäre Umgang mit der Rechtsstaatlichkeit, der 1962 in der so genannten "Spiegel-Affäre" einen unrühmlichen Höhepunkt gefunden hatte. Außenpolitische Ereignisse wie der US-amerikanische Vietnamkrieg oder der französische Algerienkrieg sorgten ebenso für Unmut wie das Hofieren diktatorischer Herrscher durch Repräsentanten des deutschen Volkes. Letzteres endete am 2. Juni 1967 für den Berliner Studenten Benno Ohnesorg tödlich und gab den bundesweiten Protestaktionen neuen Schub.


Der in den 1960er Jahren zu einigem Einfluss gelangte Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) war nicht nur in den Universitätsstädten sondern in der ganzen Republik aktiv, um auch Schülern ein politisches Bewusstsein zu vermitteln. Polit-AGen entstanden in den Schulen.

Protestplakat

Auch in Baden-Baden formierte sich eine Polit-AG, die zum Widerstand gegen den Oberbürgermeister aufrief, da jener sich durch diverse Demonstrationsverbote nach Meinung der Polit-Aktivisten absolut undemokratisch verhalten hatte. Auch der Antrag, einen Saal für eine Veranstaltung mit Mitgliedern des SDS nutzen zu dürfen, wurde durch die Stadtverwaltung abgelehnt. Dennoch fand die geplante Veranstaltung am Silvestertag des Jahres 1967 im Gasthaus "Grüner Baum" in Lichtental statt. Rund 500 Besucher aller Altersgruppen vernahmen unter anderem die Meinung Peter Brandts, eines Sohnes des damaligen Außenministers Willy Brandt, die Schüler sollten sich der "Rebellion der Studenten- und Arbeiterschaft" anschließen.


Rudi Dutschke

Der zu dieser Veranstaltung ebenfalls eingeladene Studentenführer Rudi Dutschke erschien am 5. Januar 1968 in Baden-Baden. Seine Ideen musste er allerdings per Megaphon von der Konzertmuschel im Kurgarten aus äußern, da den Veranstaltern die Nutzung des Kurhauses untersagt worden war. Die Demonstranten bewegten sich vom Kurgarten in Richtung Privathaus des Oberbürgermeisters, um ihrem Protest ein weiteres Mal Gehör zu verschaffen.


Tags zuvor war von Günter Degler und anderen Baden-Badener Schülern die Unabhängige Schülergemeinschaft (USG) gegründet worden, die ihre eigene Schülerzeitung mit dem Titel "Ca Ira" herausgab und sich gleich für ihre erste Ausgabe einen Antrag auf einstweilige Verfügung und eine spätere Strafanzeige einhandelte. Im Markgraf-Ludwig-Gymnasium kam es zu Durchsuchungen von Schultaschen, Beschlagnahmungen und kriminalpolizeilichen Ermittlungen. Natürlich wurden diese Vorgänge in "Ca Ira" entsprechend kommentiert.

Am 29. Mai 1968, dem Tag der dritten Lesung der Notstandsgesetze im Deutschen Bundestag und dem letzten Schultag vor den Pfingstferien war von "Ca Ira" zum Streik der Schüler aufgerufen worden. Obwohl die Direktoren den "Schulstreik" verboten hatten, zogen vom Markgraf-Ludwig-Gymnasium einige hundert Schüler aus, um Schüler anderer Schulen, die teilweise aus den Fenstern sprangen, weil Schultüren abgesperrt waren, abzuholen und vor der Staatlichen Kunsthalle ein "teach-in" abzuhalten.

Am 29. Mai 1968 ereignete sich in Baden-Baden weiter Ungewöhnliches, was die Stadt in die "große Weltpolitik" einband. Charles de Gaulle, der französische Staatspräsident, war angesichts der Demonstration von Abermillionen von Franzosen zum Oberbefehlshaber der französischen Truppen in Deutschland,
General Jacques Massu, nach Baden-Baden gekommen. Tags darauf kündigte er in Paris in einer Rede an die "Grande Nation" umfangreiche soziale Verbesserungen an - die Gewerkschaften waren's zufrieden, der Aufstand war vorbei.

Am 30. Mai 1968 beschloss der Deutsche Bundestag mit der notwendigen Zweidrittelmehrheit die Einführung einer Notstandsverfassung. Aktionen, Demonstrationen und Widerstand gegen die Herrschenden fanden weiter statt und mündeten letztendlich im von einer äußerst geringen Sympathisantenschaft getragenen Extrem der terroristischen Vereinigung der "Rote Armee Fraktion" (RAF).

In Baden-Baden wurde der Unterprimaner Günter Degler am 7. Juni 1968 für vier Wochen vom Schulunterricht ausgeschlossen. 1969, wenige Tage vor seinem schriftlichen Abitur, wurde er auf Antrag der Gesamtlehrerkonferenz des Markgraf-Ludwig-Gymnasiums und durch Verfügung des Oberschulamtes Karlsruhe von der Schule verwiesen. Es gelang ihm nur mittels einstweiliger Verfügung seine Teilnahme an den Abitursprüfungen durchzusetzen.

Weitere Folgen der 68er Revolution in Deutschland waren eine grundlegende Reform des deutschen Bildungswesens. Eine eigenständige Frauenbewegung nahm sich des Ausgleichs der unterschiedlichen Behandlung von Frauen und Männern im Berufs- und Privatleben an. Die Homosexualität wurde von der Strafverfolgung befreit, ebenso wie das generelle Verbot der Abtreibung aufgehoben wurde. Die so genannte Außerparlamentarische Opposition (APO) achtete weiterhin kritisch auf die Vorgänge in der Politik und die "ökologische" grüne Politik des ausgehenden zweiten Jahrtausends begann sich aus der 68er Bewegung heraus zu entwickeln.

Und viele 68er traten den "langen Marsch durch die Institutionen" an mit dem von Kai Kracht 2001 formulierten Ergebnis: "1999 wird der Bundeskanzler ein JuSo-Vorsitzender aus marxistischen Stamokap-Zeiten sein, der in Gorleben gegen die Atomindustrie demonstrierte, der Aussenminister ein ehemaliger Hausbesetzer, der sich gegen prügelnde Polizisten zu wehren wusste, und der Umweltminister ein früherer Maoist; die Entwicklungshilfeministerin ist nach eigenen Worten "unter dem Wasserwerfer aufgewachsen", und der Innenminister war einst "liberaler Kommunist" und ein Anwalt, der die Rechte der APO verteidigte."

Von Rika Wettstein, Baden-Baden






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