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Sigismund von Reitzenstein
(1766-1847)
Sigismund Karl Johann von
Reitzenstein wurde am 3. Februar 1766 in
Neumersdorf bei Bayreuth als drittes Kind des
Freiherrn Sigmund von Reitzenstein, Geheimrat und
Oberamtmann in Diensten des Bayreuther Markgrafen
Friedrich, und seiner Frau Auguste geboren. 1769
starb Markgraf Friedrich. Die Markgrafschaft fiel
an den Ansbacher Markgrafen Carl Alexander. Im Jahr
darauf starb Sigismund von Reitzensteins Vater und
hinterließ eine Witwe mit fünf Kindern,
die unter die Vormundschaft von männlichen
Verwandten gestellt wurden.
Trotz relativ bescheidener finanzieller
Verhältnisse ließ Auguste von
Reitzenstein ihre Kinder durch Hauslehrer
unterrichten. Sigismund von Reitzenstein eignete
sich zudem aus freien Stücken zusätzliche
Kenntnisse an.
Mit 15 Jahren begann er gemeinsam mit seinem knapp
zwei Jahre älteren Bruder das Jura-Studium an
der Universität Erlangen. 1783 studierten die
beiden Brüder ein weiteres Jahr an der
Göttinger Universität, welche damals als
die beste der deutschen Universitäten galt.
Sigismund von Reitzensteins Staatsverständnis
wurde dort maßgeblich geprägt. Zentrale
Bedeutung kam dabei dem Verzicht des Einzelnen auf
seine natürlichen Freiheiten zugunsten des
Gemeinwohls, das von einem souveränen
Fürsten bestimmt wurde, zu.
1784 begann Sigismund von Reitzenstein in Bayreuth
seine Arbeit als Sekretär Friedrich Karl von
Seckendorffs, der als Minister des Markgrafen Carl
Alexander eine Art Generalgouverneur der ehemaligen
Markgrafschaft Bayreuth war. Wegen des unsicheren
Status' der Markgrafschaft bewarb sich Sigismund
von Reitzenstein auf Anraten des damaligen
badischen Außenministers um die Stelle eines
Hofrats am badischen Hof, wo er am 6. April 1789
seinen Dienst bei Markgraf Karl
Friedrich
aufnahm. Im darauf folgenden Juli begann mit dem
Sturm auf die Pariser Bastille die
Französische Revolution, die nicht nur
großes Kriegselend über Europa brachte,
sondern den gesamten Kontinent politisch
veränderte.
Sigismund von Reitzenstein, der 1790 zum
"wirklichen Kammerherrn" avancierte und zwei Jahre
später Landvogt von Lörrach wurde,
vertrat von 1796 bis 1803 die badischen Interessen
bei den diversen Friedensverhandlungen in Paris und
erreichte durch geschickten und zähen Einsatz,
die Vervielfachung des badischen Territoriums auf
der rechtsrheinischen Seite als Ausgleich für
die von Frankreich beanspruchten Gebiete westlich
des Rheins. Mit dem Zugeständnis, die
bayerische Kurpfalz dem Land Baden zuzuschlagen,
ging die Erhebung Markgraf Karl Friedrichs zum
Kurfürsten einher, dem 1806 die
Großherzogswürde folgte.
Sigismund von Reitzenstein, der Mitte des Jahres
1800 schwer an Typhus erkrankt war und sein
weiteres Leben unter den Folgen zu leiden hatte,
zog sich 1803 aus der Politik zurück. Er
reiste mit seiner Frau, die er 1793 geheiratet
hatte, durch Frankreich und die Schweiz und war im
Anschluss daran kurzfristig als badischer
Kabinettsminister maßgeblich an den
Verhandlungen um das Großherzogtum Baden
beteiligt.
In Heidelberg, wo er sich niedergelassen hatte,
machte er sich an den Aufbau der Universität,
war aber weiterhin von Großherzog Karl
Friedrich als Ratgeber sehr gefragt. In der
Folgezeit wurde Sigismund von Reitzenstein zweimal
zum Regierungschef berufen, übte dieses Amt
allerdings infolge von Meinungsverschiedenheiten
immer nur kurzfristig aus. 1809 bis 1810
entwickelte er unter Großherzog Karl
Friedrich eine straffe Gliederung des Landes, die
unter anderem von französischer Seite stark
kritisiert wurde. Während seiner Amtszeit von
1817 bis 1818 ging die Gestaltung der von
Großherzog
Karl
eingesetzten badischen Verfassung maßgeblich
auf Sigismund von Reitzensteins Initiative
zurück.
Von 1832 bis 1842 war der mittlerweile verwitwete
Politiker unter Großherzog
Leopold
Präsident des Staatsministeriums in Karlsruhe,
wohin er übergesiedelt war. Mit Kuren, unter
anderem in Baden-Baden, begegnete der Mitsechziger
auch in dieser Zeit seiner geschwächten
Gesundheit, um den anstrengenden Amtsanforderungen
gerecht werden zu können.
Die Freiheitsbestrebungen, die in den 1830er Jahren
von der gebeutelten Bevölkerung in dem
zusammengewürfelten Land mit regional
dominanter Konfession und unterschiedlichem
Brauchtum begannen, fanden bei Sigismund von
Reitzenstein, der nach wie vor das Gemeinwohl unter
der Führung eines souveränen Fürsten
stärken wollte, einen entschlossenen
Kontrahenten. Sympathien verschaffte er sich damit
nicht. Er, der bereits vorher aus dem Amt hatte
scheiden wollen, erhielt im Herbst 1842
Großherzogs Leopolds Erlaubnis hierzu.
Am 5. März 1847 starb der Mann, der den
badischen Regenten zu einem geschlossenen
Herrschaftsgebiet verholfen hat, in Karlsruhe.
Gewürdigt wurde er zwar mit einem
Staatsbegräbnis. Seine Leistungen und sein
Einsatz für das Land Baden fielen danach
jedoch der Vergessenheit anheim. Weder ein Denkmal
noch ein Straßenname erinnern in der
ehemaligen badischen Landeshauptstadt an ihn.
Von Rika Wettstein, Baden-Baden
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