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Die Sommerhauptstadt
Europas
und die demi monde
Der klangvolle Begriff
demi monde fasst ein Phänomen, das in
der Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem
in Frankreich Hochkonjunktur hatte, in
zwei Worten zusammen.
Die Ära des französischen
Kaisers Napoléon I. war zu Ende.
Ein umstrukturiertes Europa etablierte
sich. Reichtum und Macht des Adels und des
Klerus' früherer Jahrhunderte waren
übergegangen in politische und
gesellschaftliche Formen, die durchaus
auch "nicht standesgemäßen"
Personen Erfolgschancen einräumten.
Unzählige nutzten die
Möglichkeiten, zu Reichtum und Macht
zu kommen. Begünstigt durch die
aufkommende industrielle Revolution
gelangten die Männer in der Regel
durch Geschäftstätigkeit und
Spekulation zu Geld und Einfluss. Den
Frauen blieb größtenteils nur
die Möglichkeit, unter Einsatz
körperlicher Vorzüge oder
geistiger Qualitäten eine gewisse
einflussreiche Position in einer
Männerwelt, die von einer
regelrechten Sucht nach Zerstreuung
geprägt war, zu erlangen.
Ein wichtiges Hilfsmittel hierfür war
das prunkvolle Auftreten in höfischer
Manier, ähnlich dem Verhalten, das in
den Jahrhunderten zuvor von vielen
Höflingen, speziell am
französischen Königshof, gezeigt
worden war. Für dieses Verhalten
hatten die Franzosen den Begriff
Courtoisie geprägt, und die
Nachahmerinnen im 19. Jahrhundert wurden,
gewissermaßen als eine Art
Berufsbezeichnung, Courtisanes genannt und
der sogenannten demi monde
zugerechnet.
Kurtisanen waren Frauen äußerst
gepflegter Erscheinung mit ausgezeichneten
Manieren, die sich ihre Liebhaber selbst
aussuchten und dann von diesen aufs
Üppigste mit Geld und Geschenken
bedacht wurden. Die Herren der feinen
Gesellschaft genossen zwar den Kontakt zu
den Kurtisanen. In ihrer feinen
Gesellschaftsschicht wurden die Kurtisanen
allerdings nicht akzeptiert. Sie lebten in
einer eigenen "halbfeinen Welt", der demi
monde.
Die Kurtisanen pflegten mit ihren
Gönnern alle von einer
vergnügungssüchtigen
Gesellschaft favorisierten Orte in Europa
aufzusuchen, unter anderem auch
Baden-Baden, die Sommerhauptstadt Europas
des 19. Jahrhunderts. Sie stiegen in den
besten Hotels ab, besuchten Konzert- und
Theaterveranstaltungen und versuchten
sogar ihr Glück im Casino. Eine,
Léonide Leblanc, hatte soviel
Glück beim Spiel, dass ihr der Gewinn
nicht ausbezahlt werden konnte. Madame
Leblanc hat, so könnte man sagen, die
Bank gesprengt.
Marie Duplessis, die "Kameliendame"
Alexandre Dumas', des jüngeren, und
ebenso Verdis "La Traviata", war 1842 Gast
in der Kurstadt. Ihr folgten neben Marie
Colombier noch weitere Kurtisanen wie
Therese Lachmann und Eliza Crouch, besser
bekannt unter dem Namen Cora Pearl.
Letztere reiste z.B. 1864 mit
fünfzehn Reit- und Wagenpferden sowie
sechs verschiedenen Equipagen, Kutschen
und unzähligem Reisegepäck an,
was ebenso für Aufmerksamkeit sorgte
wie die Tatsache, dass ihr der Zutritt zum
Casino verwehrt werden sollte. Ihr
seinerzeitiger Liebhaber wusste dies
allerdings kavaliersmäßig zu
verhindern.
Mit dem Ende des französischen
Kaiserreiches im Jahr 1870 endete auch die
große Zeit der Kurtisanen. Einige
wenige hatten sich bis dahin eine
beeindruckende Position in der
Gesellschaft "erarbeitet", wie z.B.
Therese Lachmann, die Mehrzahl beendete
ihr Leben in bescheidenen
Verhältnissen oder gar im Elend wie
Cora Pearl.
Von Rika Wettstein, Baden-Baden
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Pearl
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