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Der
Sekundenbruchteil vor der Feststellung: "Gewonnen oder
verloren" fasziniert die Menschheit schon seit altersher und
hat den zufallsbedingten Glücksspielen wie Lotterien,
Karten- und Würfelspielen, Pferde- und Hunderennen und
letztendlich dem Roulettespiel auf der ganzen Welt eine
Bedeutung zukommen lassen, die heute noch ungebrochen ist.
Das Glücksspiel bringt Geld in die Kassen, wovon auch
diejenigen partizipieren wollen, die dem Reiz des
Glücksspiels nicht unbedingt aber der Anziehungskraft
des Geldes allemal verfallen sind.
So ließen sich bereits mitteleuropäische
Städte im Mittelalter die Genehmigung zum
Glücksspiel, das meistens während Handelsmessen
angeboten wurde, sehr gut bezahlen. Im 18. Jahrhundert
begann der Siegeszug des Roulettespiels in Frankreich unter
dem Schutz des Polizeiministers der französischen
Regierung. In Deutschland und in anderen europäischen
Ländern wurden Spielsalons eingerichtet, die
natürlich der abgabenpflichtigen Konzession
bedurften.
Zeitgemäß verhielt sich Markgraf Ludwig Georg,
der vorletzte Regent des katholischen Teils der Markgrafschaft
Baden , der am
15.Oktober 1748 einigen Gasthäusern in der Stadt Baden
das Hazardspiel in eigens eingerichteten, separaten
Räumen erlaubte. Eine markgräfliche
Spielkommission überwachte das Geschehen. Nach Ludwig
Georgs Tod übernahm dessen Bruder August Georg im Jahr
1761 die Herrschaft und ließ zur Aufwertung der
Bäderstadt außerhalb der Stadtmauern, jenseits
der Oos ein Promenadenhaus für lustwandelnde
Gäste, von denen sich vermutlich auch etliche vom
Nervenkitzel des Glücksspiels erholen mussten,
errichten.
Das Jahr 1771 brachte für die beiden über
Jahrhunderte getrennten Landesteile Badens die
Wiedervereinigung und damit für die ehemalige
Residenzstadt Baden nicht nur eine Belebung des Kurbetriebs,
sondern auch eine Aufwertung des Glücksspiels.
Der badische Baumeister Friedrich
Weinbrenner hatte die
Vorstellung, das ehemalige Jesuitenkolleg, in welchem seit
1775 das markgräfliche Gymnasium untergebracht war, zum
gesellschaftlichen Mittelpunkt der damals noch mit
Mauern
umgebenen Stadt zu machen.
Bevor diese Idee verwirklicht wurde, erhielten der damalige
Pächter des Promenadenhauses, François
Chévilly, die Badeherbergen "Zum
Salmen" und
"Zur
Sonne", sowie einige
andere Gasthäuser im Jahr 1807 Spielkonzessionen.
François Chévilly sorgte für einen Ausbau
des Promenadenhauses, noch bevor die einschneidenden
Veränderungen am ehemaligen Jesuitenkolleg im Jahr 1812
begannen. Konversations- und Leseräume, Tanzsäle
und ein Spielsalon entstanden in dem großzügigst
umgestalteten, fast 200 Jahre alten Gebäude am Rande
des Markplatzes. Im Zuge dieser Entwicklung wurde die
Spielbanklizenz monopolisiert.
Die Neuanlage eines Kurviertels außerhalb des
historischen Stadtkerns wurde 1821 durch Großherzog
Ludwigs Entscheidung, ein neues Conversationshaus anstelle
des Promenadenhauses zu bauen, begonnen. Das 1766 errichtete
Promenadenhaus wurde zum linken Flügel des
Gebäudekomplexes, in welchem Gäste bewirtet
wurden. Der Mitteltrakt beherbergte den Conversationssaal
und im rechten Gebäudeflügel war ein Theater
untergebracht. Zwischen den drei Gebäudeteilen befanden
sich Verbindungsstücke, in denen Spieltische
aufgestellt waren.
1824 erwarb Antoine Chabert (1774-1850), ein umtriebiger
französischer Geschäftsmann, die Spielbanklizenz
für 15 Jahre mit einer jährlichen Saisonpacht von
29000 Gulden. Ihm oblag allerdings nicht nur die
Geschäftsführung der Spielbank, sondern neben der
Leitung des Conversationssaales und des Restaurants auch die
Aufgabe, für ein angemessenes Veranstaltungsprogramm zu
sorgen. Das kulturelle Rahmenprogramm fiel also in den
Aufgabenbereich des Spielbankpächters. Antoine Chabert
schien 1827 allerdings mehr Interesse am Umsatz als am
Kunstgenuss gehabt zu haben, denn Felix
Mendelssohn Bartholdys improvisiertes
und dennoch eine große Zuhörerzahl
mitreißendes Klavierspiel im Conversationssaal
veranlasste den Pächter, den Flügel entfernen zu
lassen. 1830 engagierte Antoine Chabert jedoch Nicolò
Paganini, dessen Spiel
sich der uneingeschränkten Begeisterung des Publikums
sicher sein konnte.
Antoine Chaberts Sohn und Teilhaber Joseph Antoine Chabert
(1799-1838) führte die Baden-Badener Spielbank weiter,
als sein Vater 1833 Lizenzen für vier Spielbanken im
Herzogtum Nassau erhalten hatte. Auch er war wie sein Vater
bestrebt, den Spielbetrieb und das kulturelle Programm
auszubauen. Alfred
de Musset hat 1834 die in
Baden-Baden und der Spielbank gewonnenen Eindrücke in
seinem Gedicht "Une bonne fortune" verarbeitet.
Der tödliche Reitunfall Joseph Antoine Chaberts im
Januar 1838 beendete die Ära Chabert in Baden-Baden und
es begann die beispiellos erfolgreiche Epoche der Herren
Bénazet, die fast 30 Jahre dauern sollte.
Jean Jacques Bénazet (1778-1848), der bis zum Verbot
aller französischen Spielbanken im Jahr 1837
Mitpächter von zehn Pariser Spielsalons gewesen war,
erhielt die Baden-Badener Spielbanklizenz. Emsig, geschickt
und einfallsreich arbeitete er an einer weiteren Steigerung
der Besucherzahlen des Casinos, was seine französischen
Landsleute ebenso anzog wie vermögende Herrschaften aus
anderen Ländern. Als Antoine Chabert die Spielbank
übernommen hatte, wurden im Jahr 1825 mehr als 8000
Gäste in der Stadt gezählt. Jean Jacques
Bénazet gelang es während der kurzen
Sommersaison bis zu 50000 Fremde in die Stadt zu locken.
Neben dem Spielbetrieb galt Jean Jacques Bénazets
Augenmerk natürlich dem kulturellen Angebot und auch
dem Bäderwesen. Die Badekabinen in den einzelnen
Badeherbergen und das so genannte Armenbad, waren die
einzige Möglichkeit, das besondere, warme Wasser zu
genießen. Ein luxuriöses Thermalbad sollte nach
dem Willen Jean Jacques Bénazets anstelle der
Badeherberge "Zum Salmen" entstehen. Diese Idee wurde
allerdings zugunsten einer großzügigeren
Badeanlage auf dem Gelände der späteren
Gönneranlage
verworfen. Verwirklicht konnte dieses Projekt jedoch nicht
werden, weil die Landesbürokraten ihre Zustimmung
versagten.
Glücksspiel und Kulturprogramm wurden weiter gepflegt.
Viele Künstler wurden ins Oostal geholt. Franz
Liszt spielte
beispielsweise nicht nur während Jean Jacques
Bénazets Spielbankzeit, sondern auch als dessen Sohn
Oscar Edouard Bénazet (1801-1867) die Spielbankpacht
übernommen hatte.

Oscar Edouard
Bénazet
Der "Roi de Bade", wie Oscar Edouard Bénazet, der
bislang erfolgreichste Promotor der Stadt, anerkennend und
respektvoll bezeichnet wurde, machte die kleine Kurstadt
endgültig zur "Capitale d'été" Europas.
Großzügig sorgte er mit Mitteln aus den
Spielbankeinnahmen für die Finanzierung von
Gebäuden, Parks und Veranstaltungen und bescherte der
Stadt damit eine außergewöhnliche
Anziehungskraft. Unter anderem sind ihm die Lichtentaler
Allee, der erste
Bahnhof Baden-Badens, die evangelische
Stadtkirche, das
Orchester und
natürlich das Theater ein
besonderes Anliegen gewesen. Dem Umbau des
Conversationshauses und der Einrichtung der prunkvollen
Gesellschaftsräume, die heute das Casino
beherbergen, war das Theater im rechten Trakt des
Conversationshauses zum Opfer gefallen. Das neue Theater war
1862 fertig gestellt und Oscar Edouard Bénazet
ließ von Hector
Berlioz eigens eine Oper
zur Eröffnung des Musentempels komponieren.
Dem Charme der Stadt, dem Reiz des Glücksspiels und der
Fülle an kulturellen Veranstaltungen erlagen
unzählige Zeitgenossen. Das preußische
Königspaar zählte
ebenso dazu wie eine Vielzahl einflussreicher
europäischer Politiker. Bedeutende Künstler, von
Johannes
Brahms über
Clara
Schumann bis hin zu
Pauline
Viardot, machten die
Stadt zu ihrem Lebensmittelpunkt. Iwan
Turgenjew und Fjodor
Dostojewskij verewigten sie in
Büchern. Oscar Edouard Bénazet hat mit seinem
Engagement für zwei ausgesprochen opulente Dekaden in
der Stadtgeschichte gesorgt.
Jacques Emile Dupressoir (1823-1884), ein Verwandter des
kinderlos verstorbenen Oscar Edouard Bénazet,
übernahm 1867 die Spielbank in ausgesprochen unsicheren
Zeiten. Beschlossen war, 1870 alle Spielbanken in
Deutschland zu schließen. Die schönste Spielbank
der Welt erhielt eine Gnadenfrist bis 1872. Musste Jacques
Emile Dupressoir für die Lizenz von 1867 bis 1870 noch
eine jährliche Pachtsumme von 300000 Gulden
abführen, so brachte die Genehmigung für die Jahre
1871 und 1872 einen jährlichen Pachtaufwand von 500000
Gulden mit sich. Mit einem solchen Betrag hätte der
Spielbankpächter leicht mehr als zwei Hotels der
Kategorie "Stephanienbad" kaufen
können.
Trotz der drohenden Schließung und der finanziellen
Belastung lief die Kulturförderung durch den
Spielbankpächter weiter auf Hochtouren. Am 12. Oktober
1872 gaben beispielsweise der Dirigent Hans
von Bülow und der Wiener
Walzerkönig Johann
Strauß junior ein
stürmisch gefeiertes Konzert. Am 31. Oktober 1872
hieß es in den Spielsälen letztmalig: "Faites vos
jeux!"
Nach der Schließung der Spielbank ergaben sich
für die Stadt gewaltige Veränderungen, weil
beispielsweise die finanzielle Unterstützung
kultureller Einrichtungen durch die Spielbankpächter
nicht mehr gegeben war. Dem Stellenwert der Stadt als
Kurort
und Heilbad wurde mehr
Gewicht beigemessen, und es zeigte sich, dass auch für
diese Attraktion des Ortes durchaus Gäste zu gewinnen
waren. Waren es 1872 noch fast 60000 Gäste, die die
Stadt besuchten, so reisten 1928 an die 100000 Gäste
an. Und trotzdem waren viele Entscheidungsträger der
Meinung, die Spielbank müsse als zusätzliche
Attraktion wieder eingerichtet werden. Die Tatsache
zusätzlicher Staats- und Stadteinnahmen aus der
Spielbankpacht spielte hierbei sicherlich eine nicht
unbedeutende Rolle.
Das Nationalsozialistische Regime erteilte der Stadt
Baden-Baden schließlich die erste Spielbankkonzession
im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Eine private
französische Betreibergruppe eröffnete am 3.
Oktober 1933 den Spielbetrieb. Die erste Kugel warf der
greise, aber unermüdliche Lokalhistoriker Oskar
Rößler.
1935 endete der Vertrag mit der privaten Gruppe und die am
1. April 1934 gegründete
Bäder- und Kurverwaltung übernahm die
Spielbank. Bis zum 14. August 1944 spielten die
Glücksritter. Dann wurde die Spielbank kriegsbedingt
ein zweites Mal geschlossen.
Die Bäder- und Kurverwaltung war nach dem Zweiten
Weltkrieg der Lizenzinhaber, welcher der hauptsächlich
in privater Hand befindlichen Spielbank Baden-Baden GmbH
& Co. Kommanditgesellschaft, die für mehr als ein
halbes Jahrhundert die Geschicke der Spielbank leitete, den
Spielbetrieb ermöglichte und der Bäder- und
Kurverwaltung einen alljährlichen Geldsegen in Form
eines prozentualen Anteils an den Gesamteinnahmen der
Spielbank, der 1950 beispielsweise bei 80% lag, bescherte.
Die Sorge um das kulturelle Rahmenprogramm und die
Aufrechterhaltung und/oder Erweiterung der Kuranlagen war
der Bäder- und Kurverwaltung überlassen.
Die Spielbank Baden-Baden GmbH & Co.
Kommanditgesellschaft richtete eine Filiale in Konstanz ein
und eröffnete 1981 im Alten
Bahnhof ein
Automatenspiel, das 1996 wegen des Baus des Festspielhauses ins
Kurhaus
umquartiert werden musste.
Wegen der jährlich zu leistenden Zuschüsse des
Landes an das Festspielhaus sann das Land
Baden-Württemberg, dem zwischenzeitlich die gesamte
Spielbankumlage zufloss, weil die Bäder-und
Kurverwaltung einer "Reform" zum Opfer gefallen war,
über eine Verstaatlichung des bis zur Jahrtausendwende
höchste Bruttospieleinnahmen erzielenden Casinos nach.
Diesem Vorhaben schob das oberste deutsche Gericht, das
Bundesverfassungsgericht, einen Riegel vor. Ein
Konzessionsvergabeverfahren wurde deshalb im März 2002
in Gang gesetzt. Am 13.
Januar 2003 entschied das
baden-württembergische Innenministerium die
Spielbankkonzession für Baden-Baden und Konstanz der
Staatlichen Spielbank Stuttgart zu übertragen.
Dies dürfte für zum Wohle der Stadt engagierte
private Spielbankpächter vom Schlage der Chaberts und
der Bénazets endgültig bedeuten: "Rien ne va
plus!"
Von Rika Wettstein, Baden-Baden
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