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Ein
Dichterwettstreit in Baden-Baden im Jahre
1814
Schenkendorfs
Lied "Bei der Beerdigung einer jungen Nonne.
Lichtenthal. August 1814" ("Unter Blumen
eingeschlafen,") ist bisher wenig beachtet worden.
Wahrscheinlich hatte Schenkendorf dieses kleine
Gedicht ursprünglich in der ihm üblichen
Weise auf einem Flugblatt herausgegeben; erstmals
veröffentlicht wurde es in A. W. Schreibers
"Cornelia 1816" gemeinsam mit dessen "Das Kloster
Lichtental in Baden". Ernst August Hagen gibt in
seinen Ausgaben der Gedicht Schenkendorfs keine
Anmerkung dazu, und nur Heinrich Funk nennt das
Datum des Begräbnisses, den 11. August.
Oft war das 1245 gegründete Cistercienser-Kloster, 1/2
Stunde südlich von Baden-Baden gelegen,
Aufenthaltsort der Frau von Krüdener und ihrer
Anhänger(innen). Da Schenkendorf häufig
in Baden-Baden kurte, darf man annehmen, dass er
seine Bekannten, Barbara Juliane und Juliette v.
Krüdener, in dem Kloster besuchte, wenn diese
sich dort aufhielten. Dabei hat er sicherlich auch
die Bekanntschaft mit den dortigen Nonnen und den
Anhängerinnen der Frau von Krüdener
gemacht. Möglich, dass eine dieser jungen
Nonnen der Mystikerin Krüdener besonders nahe
gestanden hat. Vielleicht wollte man der
älteren Freundin über die Verse einen
Trost spenden, als diese um ihre neue Freundin
trauerte.
Es erscheint ungewöhnlich, dass drei Dichter
gleichzeitig zu einem solchen Anlass ihre Muse
sprechen lassen; wohl dürfte hier eine
Absprache der drei Autoren zugrunde liegen.
Im Badwochenblatt Nr. 34 vom 28. August 1814, S.
274, veröffentlicht ein "Mathisson" einen
Zweizeiler zu dem Anlass der Bestattung. Hier
handelt es sich sicher um den Stuttgarter
Bibliothekar Friedrich (seit 1809:) von Matthisson,
der dichtete:
"Nachruf an die Conventualin im Kloster
Lichtenthal, welche den 11. August dort
beerdigt wurde.
"Ach! wohl, Befreyte! wohl dir! ach, dein Traum
"Im Lande der Entsagung war so schwer."
Nur zwei Nummern zuvor verbirgt sich der Verfasser
des 12strophigen, 96zeiligen Gedichts unter der
Chiffre "F. v. M..l..z.", dessen Identität
zunächst nicht gelüftet werden konnte.
Die Identifikation wird sicher durch folgenden
Hinweis: In der Jenaischen Allgemeinen
Literatur-Zeitung Nr. 47, März 1817, Sp.
371-376 findet sich von "Loys." eine Rezension der
"Gedichte von Franz Friedrich Freyherrn von
Maltiz." Karlsruhe: Marx 1817, 404 S. 8°. Hier
heißt es Sp. 375:
"Inzwischen hat Hr. v. M. seine Kraft nicht nur an
einigen Clasikern versucht, sondern auch an
Landsleuten. So wagt er noch, nach Schlegel, eine
Verdeutschung des Dies irae Dies illa, und beleiert
die Einkleidung und den Tod einer jungen Nonne,
deren Andenken Schenkendorf so rührend
gefeiert hat. In dem Gedicht auf die Einkleidung
kommt eine Strophe vor, welche den Dichter auf der
Sternenhöhe der Begeisterung zeigt: [Sp.
376:]
Neigt euch von euern Höhen
Ihr Seeligen herab,
Die schützend uns um,wehen
Hoch über Zeit und Grab.
Steigt auf die Fromme nieder,
Die sich dem Himmel weiht,
Mit tönendem Gefieder
Der höhern Seligkeit.
Ohne Zweifel ist - zum Glück für die arme
Nonne - das Gebet des Dichters nicht erhört
worden: denn schwerlich wäre etwas von ihren
Gebeinen übrig geblieben, wenn die Anzahl der
Seligen sie in Masse überstiegen
hätte!"
Das Gedicht lautet in dem "Badwochenblatt für
die Großherzogl. Stadt Baden." (S. 253-260)
Nr. 32 vom 21. August 1814 auf den Seiten
256-259:
Kloster Lichtenthal
Am 11. August 1814,
gelegentlich der Beerdigung einer jungen
Klosterfrau,
welche erst vor 3 Jahren ihr Gelübd
abgelegt hatte.
Stille Ruhestätt, wo Gottes Friede
Sichtbar die Geweihten schon umschwebt;
Wo sich oft der Jugend zarte Blüthe
Von der Erde nicht'gem Tand erhebt;
Wahrheit uns dein Name schon verkündet;
Denn du bist ein lichtes Thal,
Wo der Täuschung öder Nebel
schwindet,
In der Gnade ewig hellem Strahl.
Welche Töne banger Trauer
Rauschen heut von deinem hohen Chor?
Horch, die Glocken rufen düstre Schauer
In des Wanderers erstauntes Ohr. [S. 257:]
Sterbeklang erfüllet deine Hallen,
Und im dumpfen Grabgesang
Seh ich bleiche Nachtgestalten wallen
Aus des Klosters dunkelm Gang.
Ja, der unerbittlichste von allen
Richtern, welche diese Welt erblickt,
Hat in diesen friedlich stillen Hallen
Eine zarte Blume sich gepflückt,
Die, dem Sturm des Schicksals hier verborgen,
Nur der Ewigkeit geblüht;
Deren Herz mit frommen Sorgen
Nur dem Himmelsbräutigam geglüht.
Schon verschwanden die der Erde Sterne,
Dir verblich der Sonne goldnes Licht;
Doch in eine schimmerreiche Ferne
Schaut dein hoffnungsvolles Angesicht;
Und, gerettet aus des Lebens Klippen,
Ruhst du schon im stillen Friedensthal;
Auf dem Lächeln deiner bleichen Lippen
Glänzt der neuen Sonne junger Strahl.
Wie du schläfst in deiner Blumen Mitte,
Matt umflammt vom düstern Kerzenlicht,
Hört dein Ohr der Freundschaft glüh'nde
Bitte
Und des Schmerzes bange Klage nicht;
Oeffnet dein erstarrter Mund sich nimmer
Zu dem frommen Chorgesang;
Nie dein Auge sich dem blassen Schimmer,
Der in dein dunkle Zelle drang. [S. 258:]
Nein, vom kalten Todesarm umschlungen,
Hört der Segenswunsch nicht mehr dein Ohr,
Der von Priesterlippen dir erklungen;
Schwankend hebt die Bahre sich empor.
Lebe wohl! wie Nebelbilder sinken
Hinter dir die Hoffnung und das Glück,
Und die Blumen deines Sarges winken
Deinen eltzten Abschiedsgruß zurück.
Schon geöffnet ist des Tempels Pforte;
Horch, die Glocke schallt von ihrer Höh!
Bang ertönt es: Libera de morte
Me æterna, Domine!
Hoch durchschwebt dein Sarg der Schwestern
Reihe,
Hier, wo einst, in lichter Herrlichkeit,
Deine Stirn empfieng die heil'ge Weihe,
Wirst du jezt dem ew'gen Schlaf geweiht.
Schweigend ruhst du in den Hallen,
Wo dein Geist im feurigen Gesang
Sich so oft mit deinen Schwestern allen
Zu dem Throne des Erlösers schwang;
Und im Todtenglanz strahlt deine Bahre,
Wo du schwörend einst dein Knie gebeugt,
Wo am schwarzbekleideten Altare
Jetzt des Weihrauchs lichte Wolke steigt.
Und der Orgel dumpfes Brausen wallet
Durch das tönende Gewölb einher,
Und das bange Requiem erschallet,
Ach, nur deine Stimme tönt nicht mehr. [S.
259:]
Aber bald die Trauertöne schweigen,
Bald die dumpfe Sterbeglocke ruft,
Und die Schwestern schon vom Chore steigen,
Dir zu folgen zu der Gruft.
Bald in ihr der freyein Seele Hülle
Nach den Stürmen dieses Lebens ruht,
Und der Schwestern bange Schmerzensfülle
Löset sich in heisser Thränenfluth:
An der Frühverblich'nen Grabe
Wird ihr Muth dem bittern Gram zum Raub.
Weinend bringen sie, als letzte Gabe,
Eine Hand voll Erde deinem Staub.
Dort, wo an des Schöpfers Sonnenthrone
Das Halleluja der Engel rauscht,
Hast du schon des Lebens Dornenkrone
Mit des Himmels Lilien vertauscht;
Und mit deiner Unschuld Siegerkränzen,
Wie des Morgens lichter Stern,
Sieht dich schon der weite Aether glänzen,
Die verklärte reine Braut des Herrn.
Schlaf im Frieden! Leicht sey dir die Erde!
Dich umschatte Gottes Ruh'!
Die die ew'ge Lebensquelle werde!
Weihrauch ströme dir der Himmel zu!
Nie dem Weltgewühl dahingegeben,
Wardst du seinen Stürmen nie zum Raub;
Friedlich wandeltest du hier im Leben,
Friedlich ruhe hier dein Staub!
F. v. M..l..z.
In diesem Gedicht lässt sich z. B. parallel
setzen Schenkendorfs Vers
"Unter Blumen eingeschlafen,"
mit dem Vers dieses Gedichtes:
"Wie du schläfst in deiner Blumen Mitte,"
was die Konkretheit des Anlasses für die
Abfassung bezeugt. Gegenseitige Abhängigkeit
von oder Beeinflussung untereinander daraus
ableiten zu wollen, dürfte verfehlt sein.
Von Dr. Erich Mertens, Lennestadt
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