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Die
Wolfsschlucht im Freischütz
Vielleicht ist es aber auch wahr, daß Weber
noch andere Anregungen seinen frühen
Baden-Badener Aufenthalten verdankt. Hier kommen
wir zu dem Gebiet der künstlerischen
Anschauung, das für die Entwicklung des
Künstlers oft wichtiger ist als das
zufällige Erlebnis. [...]
In der Nähe der Engels- und der Teufelskanzel,
auf dem Berge zum Murgtal,
befindet sich die sogenannte "Wolfsschlucht", eine
wahrhaft finstere und romantische Schlucht, die
allgemein in Verbindung zum "Freischütz"
gebracht wird.
Die Frage, über die man sich streitet, ist
natürlich folgende:
Ist die Schlucht nur nach dem "Freischütz"
benannt oder hat sie irgendwelche
tatsächlichen Beziehungen zu ihm?
Natürlich hat sie den Namen erst später
erhalten. Aber das schließt ja nicht aus,
daß sie Weber tatsächlich zu der
Anschauung der Wolfsschlucht im "Freischütz"
geführt hat.
Ein direkter Anhaltspunkt dafür hat sich
leider noch nicht finden lassen. Wohl aber ergibt
sich meines Erachtens ein indirekter aus jenem
Bericht für Cottas "Morgenblatt", der sich
also fortsetzt:
"Die einzig schöne Natur, die Baden umgibt,
(ich kenne manches Bad, aber noch nirgends habe ich
so mannigfache Gegenden um einen Ort vereinigt
gefunden) freundliche und erhabene Aussichten,
Berge und Felsen und liebliche Ebenen, auf der
anderen Seite die Nähe des Herrlichen
Murchtales etc. alles dieses sind
unvergängliche Schönheiten und haben
Baden schon den Römern wert gemacht, und
werden es auch jetzt und ewig den Galliern und
Germanen theuer erhalten. Häufig theilt sich
daher auch die Gesellschaft in kleine Landpartien,
und befriedigt und erfreut kehrt jeder von da
zurück, indem er in seine Heimath dann das
Andenken und den Wunsch, es wieder zu sehen,
mitnimmt."
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Jedenfalls
wird das in Duvals "Les quatre saisons", das in den
sechziger Jahren erschien, behauptet, und
Dr. Oskar
Rößler, der
maßgebliche Lokalhistoriker von Baden-Baden
bemerkt, daß es auf Wahrheit beruhe. Eine
mündliche Überlieferung davon gehe auf
den Komponisten Flotow zurück.
Es scheint mir zumindest unzweifelhaft, daß
Weber die "Wolfsschlucht" auf seinen Ausflügen
ins Murgtal gesehen hat. Man kann sich aber wohl
vorstellen, daß diese um jene Zeit noch
wesentlich romantischer gewirkt hat. Man braucht
nur einmal in der Dämmerung durch sie
hindurchzugehen, um sogleich an
Freischütz-Stimmungen erinnert zu sein.
Ein indirekter Anhaltspunkt ergibt sich auch aus
Folgendem:
Weber hat in den gleichen Wochen (1810) in denen er
in Baden-Baden weilte, auf Stift Neuburg bei
Heidelberg Apels "Gespensterbuch" gelesen, das die
Sage von der Wolfsschlucht enthält. Das
Erregende dieser Entdeckung hat sich sicher mit der
Anschauung verknüpft.
Der "Freischütz" wurde am 18. Juli [Juni,
Anmerkung der Redaktion] 1821 in Berlin
uraufgeführt, also ein Jahrzehnt später.
Den Text hatte ihm Friedrich Kind am 1. März
1817 in Dresden übergeben. Wie alle
Komponisten, hat auch Weber in die Textgestaltung
eingegriffen. Es fragt sich also, inwieweit die
"Wolfsschlucht", sei es bildhaft oder musikalisch,
in seine Vorstellung hineingespielt hat.
Das alles muß solange Hypothese bleiben, als
sich kein schlüssiger Beweis erbringen
läßt. Zumindest lohnt es, an ihrer
Lösung mitzuarbeiten.
Heinrich Berl, Baden-Baden im Zeitalter der
Romantik, Baden-Baden 1936, Seite 172 ff.
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