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Dr. Franz Alt
schreibt bei uns über wichtige ökologische und
gesellschaftspolitische Themen, die uns alle angehen
sollten.
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Arbeit für alle ist
möglich
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Zwischenruf von Franz Alt
in der "Frankfurter Rundschau" vom 5. 3.
2002
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Warum hat
Deutschland 10,6 Prozent Arbeitslose, aber die
Schweiz nur 1,6 Prozent? Warum haben England oder
die USA nur halb so viele Arbeitslose wie wir,
obwohl es vor 15 Jahren nahezu umgekehrt war? Und
warum hat Japan - trotz großer
ökonomischer Schwierigkeiten - nur ein Drittel
der deutschen Arbeitslosen? Und warum haben die
Dänen und die Niederländer in den letzten
10 Jahren die Zahl ihrer Arbeitslosen halbiert, wir
aber nicht?
Museums- und Denkmalspflege sind bei uns so wichtig
wie Reichs- und Heimatgeschichte, aber Zukunft ist
beinahe ein Fremdwort. Es gibt in Deutschland 1.450
Institute, die sich mit Vergangenheit
beschäftigen und sechs Institute, die
über Zukunft arbeiten. Entsprechend vorgestrig
ist die Arbeitspolitik. Und das bei offiziell 4,3
Millionen Arbeitslosen - in Wirklichkeit sind es
knapp sieben Millionen, wenn alle, die
tatsächlich einen Arbeitsplatz suchen,
mitgezählt werden.
Die Felder, auf denen Arbeitsplätze von morgen
entstehen, lagen in Deutschland viel zu lange
brach: Bildung, Medizin, Sport und Wellness, die
Kinderbetreuung und Altenpflege, sogar Umweltschutz
und Dienstleistungen insgesamt.
In diesem Herbst treffen bei der Bundestagswahl
zwei Auto-Männer aufeinander. Beide werden uns
wie ihre Vorgänger seit 40 Jahren
erzählen, dass "jeder fünfte deutsche
Arbeitsplatz von der Autoproduktion abhängig".
Tatsächlich hängt 2002 noch jeder 22.
Arbeitsplatz am Auto.
Fakt ist, dass heute in der Autobranche noch
970.000 Menschen beschäftigt sind, aber in den
Umweltbranchen bereits 1,3 Millionen. Noch viel
mehr wären möglich. Am Beispiel der
arbeitsplatzintensiven Windbranche lässt sich
die Zukunft von Arbeitsplätzen
verdeutlichen.2002 produzieren Windräder erst
3,5 Prozent des deutschen Stroms. Aber die
Windbranche beschäftigt schon 36.000 Menschen.
Die Atomenergiebranche hingegen liefert 35 Prozent
des deutschen Stroms, beschäftigt aber nur
knapp 40.000 Menschen. In dieser Situation
kündigt der konservative Kanzlerkandidat an,
er wolle wieder zurück zur Atompolitik. Nicht
nur umweltpolitisch, auch arbeitsmarktpolitisch ist
Atompolitik von gestern.
Aber auch im rot-grünen Lager wächst die
Bedenkenträgerei gegen die
zukunftsträchtige Windkraft. Bei 11.500
Windrädern, die jetzt Strom liefern,
müsse man darauf achten, dass die Landschaft
nicht "verspargelt" werde. So wird auch von einem
Teil der Grünen und Roten argumentiert.
187.000 Strommasten, die Energie von gestern
transportieren, sind dagegen kein Problem. Ein
Land, dessen politische Klasse so
rückwärtsbezogen und
bedenkenträgerisch argumentiert, kann nicht
zukunftsfähig sein. 7 Millionen Arbeitslose
sind die logische Konsequenz.

In meinem Buch "Das ökologische
Wirtschaftswunder - Wohlstand und Arbeit für
alle" habe ich zusammengestellt, wozu uns die
wenigen deutschen Studien über
zukunftsfähige Arbeitsplätze
ermuntern:
Professor Heiner Mohnheim, der wohl kreativste
deutsche Verkehrsplaner, hat errechnet, dass eine
ökologische Verkehrswende, die diesen Namen
verdient, bis 2015 etwa eine Million neue
Arbeitsplätze schaffen würde. Unter
Verkehrswende versteht er eine Vervierfachung des
öffentlichen Verkehrs.
Eurosolar geht davon aus, dass bis 2010 etwa
600.000 neue Arbeitsplätze gebraucht werden,
wenn wir den Anteil der erneuerbaren Energien von
heute 7 Prozent auf etwa 20 Prozent verdreifachen.
Das wäre gut für die Umwelt, gut für
neue Arbeitsplätze und gut für die
Wirtschaft, die zukunftsfähige Exportschlager
organisieren könnte. Das Knowhow dafür
ist längst vorhanden. Es fehlt der politische
Wille und es fehlen Zukunftsvisionen. Ein
Ein-Millionen-Dächer-Programm könnte
dafür die notwendige Schubkraft liefern. Die
gesamte Bauindustrie, das Installations- und
Elektrogewerbe würden profitieren.
in allen Ländern mit weniger Arbeitslosigkeit
arbeiten mehr Menschen im Dienstleistungsgewerbe
als bei uns. In Dänemark gibt es für 1000
Einwohner 356 Dienstleistungsjobs, in Deutschland
aber nur 273. Dänemark hat weniger als vier
Prozent Arbeitslose. Gemessen an Japan oder den USA
ist Deutschland noch immer eine
Dienstleistungswüste.
Diese Zahlen werden von einer Einsicht
gestützt, die Klaus Töpfer schon als
deutsche Umweltminister hatte: "Umweltschutz ist
kein Arbeitsplatzkiller, sondern der
größte Arbeitsplatzknüller des 21.
Jahrhunderts." Den früheren dänischen
Energieminister Svend Auken wie habe ich in einer
Fernsehsendung gefragt, wie es Dänemark
geschafft habe, die Zahl seiner Arbeitslosen zu
halbieren. Seine Antwort: "Hauptsächlich durch
die Förderung der erneuerbaren Energien." Eine
ökologische Steuerreform wie in Dänemark
würde für Deutschland bis 2010 etwa eine
Million Arbeitsplätze bedeuten, hat Professor
Bernd Meier errechnet.
Nicht nur im Umweltschutz liegen Millionen
Arbeitsplätze brach. Die Niederlande haben uns
vorgemacht wie Hunderttausende Arbeitsplätze
in allen Branchen entstehen können, wenn die
Arbeitsstrukturen flexibler werden. Doppelt so viel
Frauen und sechs mal mehr Männer arbeiten dort
halbtags als in Deutschland.
In Dänemark macht schon jeder 6. Arbeitnehmer
von der Möglichkeit Gebrauch, in jedem siebten
Jahr eine Arbeitspause über ein "Sabbat-Jahr"
zu nehmen. In Deutschland wäre das eine halbe
Million zusätzlich Beschäftigter. Aber
ein "Sabbat-Jahr“ ist hierzulande noch immer ein
Privileg für Professoren!
Das Buch zum Thema erschien soeben in
Neuaflage.
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Das
ökologische Wirtschaftswunder.
Arbeit und Wohlstand für alle.
Sondereinband, 166 Seiten, Neuauflage
2002,
Aufbau-Verlag, Berlin
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