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Franz Alt im
Gespräch mit dem Dalai Lama
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"Ohne Menschen ginge es der Erde
besser"
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19-Mal haben sich der Dalai Lama und der
Fernsehjournalist Franz Alt in den letzten Jahren
getroffen. Das Ergebnis waren viele
Fernsehsendungen, viele Artikel und gemeinsame
Veranstaltungen. Jetzt hat der Journalist den Dalai
Lama in seine letzte Fernsehsendung "Grenzenlos"
eingeladen, die am 18. Juni in 3Sat ausgestrahlt
wurde. Auszüge aus dem Gespräch:
Franz
Alt: Heiligkeit, bei einem früheren
Gespräch haben Sie von einem "kulturellen
Völkermord in Tibet" gesprochen und mir
gesagt, dass durch die chinesische Besatzung 1,2
Millionen Tibeter ihr Leben verloren haben. Wie ist
die aktuelle Situation in Tibet?
Dalai Lama: Ökonomisch gab es in der letzten
Zeit einige Fortschritte, aber religiös,
kulturell und ökologisch ist die Lage
erschreckend. Es gibt Gewalt gegen die Tibeter und
Unterdrückung sowie massive
Menschenrechtsverletzungen. Es gibt politische
Gefangene und Folter in Gefängnissen. Einige
Freiheiten, die es inzwischen in China gibt, zum
Beispiel ein wenig Meinungs- und
Demonstrationsfreiheit, gibt es in Tibet immer noch
nicht.
Es gibt ein grundsätzliches Misstrauen der
chinesischem Besatzung gegenüber Tibeter, weil
wir Tibeter sind. Das ist das größte
Problem.
Positiv ist, dass sich immer mehr Chinesen für
die tibetische Kultur und für den tibetischen
Buddhismus interessieren. Sie können heute als
religiöse Touristen nach Tibet reisen. Das
fördert die Freundschaft zwischen Chinesen und
Tibetern von Mensch zu Mensch.
Franz
Alt: In Lhasa, in Tibets Hauptstadt, habe ich
bereits mehr Chinesen als Tibeter gesehen. Ich habe
von chinesischen Plänen gehört, wonach in
den nächsten Jahrzehnten 20 Millionen Chinesen
nach Tibet umgesiedelt werden sollen. Dann
gäbe es in Tibet dreimal mehr Chinesen als
Tibeter. Fürchten Sie eine Überfremdung
Ihres Landes?
Dalai Lama: Das ist meine größte Sorge.
Die kulturelle Überfremdung führt dazu,
dass die Tibeter zur Minderheit im eigenen Land
werden. Das führt auch zu Umweltkatastrophen,
weil sich die Chinesen der Ökologie auf dem
Dach der Welt kaum anpassen können. Die
Umweltsituation in Tibet hat aber Auswirkungen auf
ganz Ost- und Südasien, auf China, Nepal und
Indien. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die
fünf größten Flüsse Asiens
entspringen alle dem Himalaya. Abholzungen Tibet
haben in China zu riesigen Überschwemmungen
geführt. Davon waren 1998 über 100
Millionen Chinesen direkt betroffen. Von diesen
ökologischen Zusammenhängen nimmt die
Welt fast keine Kenntnis.
Die ökologische Situation auf der ganzen Welt
ist natürlich eine Katastrophe:
Treibhauseffekt, Wasserknappheit, Artensterben,
Waldrodungen, chemisierte Landwirtschaft! Wenn wir
so weitermachen, hinterlassen wir unseren Kindern
und Enkeln eine einzige Wüste. Wir sind dabei,
und selbst auszurotten. Für die Erde wäre
es ohnehin das Beste, wenn wir Menschen bald
verschwinden. Ohne Menschen ginge es der Erde
besser. Aber noch haben wir eine Chance, uns zu
ändern (lacht laut und lange). Aber niemand
weiß, ob wir die Chance wirklich nutzen
(lacht weiter).
Franz
Alt: Ihr Lachen und Ihr Lächeln ist ihr
Markenzeichen. Woher nehmen Sie dafür die
Kraft?
Dalai Lama: Als praktizierender Mönch bin ich
ein zufriedener Mensch und ein glücklicher
Mensch. Es gibt einen Weg zum Glück. Und
zweitens: Trotz vieler Rückschläge und
trotz vieler Probleme auf der Welt, sehe ich auch
viele Fortschritte in der Phase meines jetzigen
Lebens. Darüber freue ich mich.
Es bringt einfach nichts, wenn man sich
ärgert. Nicht einmal über seine Feinde
soll man sich ärgern. Es ist intelligenter,
seine Feinde zu lieben. Das sagt auch Jesus in der
Bergpredigt - eine tiefe Weisheit. Von seinen
Feinden kann man besonders viel lernen (lacht!).
Ich habe die Vision einer friedlichen Welt. Wenn
wir in dieser Generation keinen Frieden erreichen,
dann eben in der nächsten Generation
(lächelt). Wir können lernen, Wut, Hass
und Begierden zu überwinden. Das ist der Weg
zu Frieden und wirklicher Freiheit. Mein Rat: Nicht
zu sehr auf materielles Glück bauen -
wichtiger sind Einsichten darüber, was uns
wirklich hilft oder schadet.
Franz
Alt: Die USA haben im Irak durch Gewalt ein
diktatorisches Regime in vier Wochen beseitigt. Das
war eher Feindbild-Politik als Feindesliebe. Sie
versuchen seit 40 Jahren den Weg der
Gewaltlosigkeit, um Tibet zu befreien. Aber ohne
Erfolg. Hat der Irak nicht bewiesen, dass eine
Politik der Gewalt erfolgreicher ist als Ihre
Politik?
Dalai Lama: Die Situation in Tibet und im Irak ist
nicht vergleichbar. Zwischen Tibet und China geht
es um die Zusammenarbeit zweier Völker, die
mehr als 2000 Jahre meist friedlich nebeneinander
lebten. Diese Situation möchte ich
wiederherstellen. Das geht aber nicht mit Gewalt.
Gewalt schafft immer neue Gewalt - wie man gerade
am Beispiel Irak sehen kann.
Gewaltlosigkeit ist kein diplomatischer Begriff,
sondern gelebtes Mitgefühl. Krieg ist immer
eine Niederlage des Menschlichen.
Gewaltlösungen sind alte Lösungen. Wir
brauchen heute neue, friedliche Lösungen.
Diese müssen allerdings von unten kommen.
Regierungen allein schaffen das nicht. Frieden im
Herzen schafft Frieden in der Politik. Die
Demonstrationen für Frieden von Millionen
Menschen in diesem Frühjahr waren ein
großer Fortschritt.
Ich setze also nach wie vor auf Vertrauen und
Versöhnung. Nur damit erreichen wir wirklichen
Frieden. Dass heute Millionen Chinesen sich
für das Schicksal Tibets ehrlich
interessieren, ist ein Erfolg meiner Politik der
Gewaltfreiheit. Wir wollen in Tibet mit einem
gewaltfreien Weg der ganzen Welt einen neuen Weg
zum Frieden zeigen. Langfristig ist Gewaltfreiheit
erfolgreicher als Gewalt. Gewalt ist immer auch
Ausdruck von Ungeduld und Unbeherrschtheit der
eigenen inneren Aggressionen.
Franz
Alt: Lassen Sie mich nachfragen: Haben Sie
Verständnis für junge Tibeter, die sagen:
"Der Weg des Dalai Lama hat 40 Jahre nicht zum
Erfolg geführt. Jetzt müssen wir es mit
Gewalt versuchen"?
Dalai Lama: Ich verstehe diese Ungeduld. Auch
manche ältere Tibeter argumentieren so. Ein
tibetische Sprichwort sagt: Es gibt Nachbarn, mit
denen man einfach nicht friedlich zusammen leben
kann. Viele, die so denken, haben durch die
chinesische Besatzung unermesslich viel Leid, Hass
und Qualen erleben müssen. Ihre negative
Haltung ist emotional verständlich. Meine
rationaler Weg aber bleibt die Gewaltlosigkeit. Nur
so wird es langfristig Erfolg, Freiheit und
Glück für alle geben können. Einen
Termin für die Freiheit Tibets kann ich Ihnen
natürlich nicht nennen. Zur Zeit aber
verhandelt eine tibetische Delegation wieder mit
einer chinesischen Regierungsdelegation. Das
erfüllt mich mit Hoffnung.
Franz
Alt: Ich habe von vielen Tibetern die Forderung
gehört: "Der Dalai Lama soll
zurückkommen. Erst dann können wir in
Harmonie leben und in Ruhe sterben." Glauben Sie
noch daran, nach Tibet zurückkehren zu
können? Sie sind schließlich 68 Jahre
alt!
Dalai Lama (lacht): Wenn ich die Tibetfrage im
Zusammenhang mit neuen positiven Entwicklungen in
China sehe, bin ich optimistisch. In China sehe ich
zur Zeit beinahe Monat für Monat Fortschritte
hin zu mehr Freiheit. Wenn diese Entwicklung
anhält, werde ich bald zurückkehren
können.
Franz
Alt: Sie hoffen also noch?
Dalai Lama (lächelt): Ja!
Franz
Alt: Sie kennen den katholischen Theologen Hans
Küng. Stimmen Sie seiner These zu, wonach
Frieden zwischen den Religionen Voraussetzung
für den Weltfrieden ist?
Dalai Lama: Ich bin nicht davon überzeugt,
dass die meisten Kriege religiös motiviert
sind. Religion wird in der Politik oft
instrumentalisiert und missbraucht. Die wahren
Kriegsgründe sind meist ökonomisch und
machtpolitisch. Oft geht es auch um Ressourcen und
Rohstoffe. Ich habe in Nordirland vorgeschlagen,
die Religion aus dem dortigen Konflikt
auszuklammern. Auch dort geht es primär um
Macht und um soziale Konflikte.
Franz
Alt: Aber ein Blick auf den 11. September und die
Reaktion der USA in Afghanistan und Irak zeigt,
dass immer auch religiös argumentiert wird.
Muslimische Fundamentalisten sprachen vom "Heiligen
Krieg" und George W. Bush vom "Gerechten Krieg“.
Besteht in den nächsten Jahren nicht die reale
Gefahr eines "Clash of Civilizations" und eines
"Clash of Religions" zwischen der christlichen und
der islamischen Welt?
Dalai Lama: Die Ereignisse des 11. September sind
vielschichtig. Der Konflikt hat sich über
viele Jahre aufgeladen. Auch hier geht es um viel
mehr als nur um Religion. Hier zeigt sich der
Missbrauch von Religion besonders deutlich. Es gibt
nämlich weder "Heilige Kriege" noch "Gerechte
Kriege".
Kriege sind immer eine Katastrophe. Auch in Indien
geht es zwischen Hindus und Moslems um mehr als nur
um Religion. Beide Religionen haben
jahrhundertelang friedlich zusammengelebt. Streit
um Machtpolitik und Stärke sind die Ursache
des Konflikts zwischen Indien und Pakistan.
Religion ist eine Nebenursache, Machtspiele und
ökonomische Interessen sind die Hauptursachen.
Da wir alle einen kleinen Planeten bewohnen,
müssen wir lernen, in Frieden und Harmonie und
im Einklang mit der Natur zu leben. Das ist nicht
nur ein Traum, sondern eine Notwendigkeit.
Franz
Alt: Lieber Dalai Lama, lieber Freund: Was ist der
gemeinsame Kern aller Religionen?
Dalai Lama: Fundamentale menschliche Werte wie
Liebe, Toleranz und Mitgefühl sind die Basis
aller Religionen. Es gibt natürlich auch
philosophische, kulturelle und historische
Differenzen zwischen den Religionen. Aber alle
Religionen wollen die genannten Grundwerte auf der
ganzen Welt stärken. Mein Hauptanliegen bei
meinen Reisen um die ganze Welt und bei den vielen
Interviews, die auch wir beide seit 1983 schon
führten, ist es, das Verständnis für
tiefere menschliche Werte zu fördern. In Ihren
Bergpredigt- und Ihren Jesus-Büchern finde ich
Jesus-Worte, die Buddha ganz ähnlich
ausgesprochen hat. Darüber haben wir
früher diskutiert. Unsere gemeinsamen Werte
sind Mitgefühl, Sorge und Engagement für
andere. Alle Religionen wollen diese Grundwerte
weltweit stärken, damit Menschen bessere und
bewusstere Menschen werden können. Unser
gemeinsamer Weg heißt doch: Mehr Achtsamkeit
gegenüber allem Leben, auch gegenüber
Tieren und Pflanzen.
Daraus folgt dann ganz konkret und praktisch:
Frieden statt Krieg. Ich sehe auch Fortschritte in
der Friedensfrage gegenüber dem letzten
Jahrhundert. Die Geschichte Europas ist doch eine
Geschichte vom Krieg zum Frieden. So ein positives
Beispiel gibt uns auch ganz persönlich viel
Hoffnung. Die Gemeinsamkeiten aller Religionen sind
viel größer als die Unterschiede. Das
gilt auch für politische und nationale
Gemeinschaften. Wenn wir uns in den Religionen mehr
auf unsere Gemeinsamkeiten besinnen und weniger
über unsere metaphysischen Differenzen
streiten, dann dienen wir dem Frieden zwischen den
Menschen und dem Frieden mit der Natur.

Dalai Lama mit Bigi und Franz Alt
Franz
Alt: Sie waren in den letzten Jahrzehnten 20-Mal in
Deutschland, aber noch nie hat ein deutscher
Bundeskanzler aus Angst vor der chinesischem
Politik gewagt, Sie zu empfangen. Das war in den
USA, in Frankreich oder in der Schweiz anders. Dort
haben die Regierungschefs mit Ihnen gesprochen.
Sind Sie über die Feigheit der deutschen
Politiker enttäuscht?
Dalai Lama: Der Zweck meiner Reisen ist, die
universalen Werte zu fördern - dabei hilft die
Begegnung mit jedem Menschen. Ich freue mich auch,
Politiker zu treffen. Ich bin aber nicht
enttäuscht, wenn Politiker Rücksicht auf
bestimmte Interessen nehmen müssen. Ich bin
auch nicht gegen Wirtschaftskontakte mit China. Ich
schlage den Wirtschaftlern allerdings vor, die
Menschenrechtsfragen in Tibet bei ihren
Gesprächen und Geschäften in China zu
diskutieren.
Den Politikern möchte ich natürlich keine
Schwierigkeiten bereiten. Grundsätzlich
möchte ich aber betonen, dass die Sache Tibets
in Deutschland von vielen Menschen unterstützt
wird. Es gibt hier viele Tibet-Gruppen, die sich
seit Jahrzehnten für die Menschenrechte in
Tibet engagieren. Das hilft uns sehr. Dafür
bin ich dankbar. So bleibt die Tibetfrage immer im
Bewusstsein. In der deutschen Regierung haben wir
in Außenminister Joschka Fischer einen
engagierten Verfechter für die Menschenrechte
in Tibet und für unser Streben nach mehr
religiöser Freiheit und kultureller Autonomie
in Tibet.
Franz
Alt: Meine Schlussfrage: Das ist meine letzte
Fernsehsendung, die ich moderiere. Sie steht unter
dem Titel: "Frieden, Umwelt, Menschenrechte" - was
bedeuten diese drei Werte für die Zukunft der
Menschheit?
Dalai Lama: Diese Grundwerte entscheiden über
unsere Zukunft. Eine Umweltpolitik, die diesen
Namen verdient, ist Voraussetzung für unser
Überleben. In einer zerstörten Welt kann
man auch nicht erfolgreich wirtschaften. Leben,
arbeiten und Wirtschaften mit der Natur und nicht
mehr länger gegen die Natur, ist unser
großer Lernprozess. Unser Planet ist unser
Zuhause, unser einziges Zuhause. Wo sollten wir
denn hingehen, wenn wir ihn zerstören?
Wie schon gesagt: Ohne uns Menschen ginge es der
Erde zur Zeit besser als mit uns. Der Mensch ist
der größte Schädling auf der Erde.
Ohne Menschen gäbe es auch keine Kriege mehr
und keine Massenvernichtungswaffen, die alles Leben
bedrohen (lacht wieder lang).
Im Ernst: Auch der Grundwert Frieden ist
natürlich überlebenswichtig. Und ohne die
Beachtung der Menschenrechte, kommen wir auch dem
Frieden nicht näher. Wenn wir uns gegenseitig
Leid zufügen und die Menschenrechte verletzen,
kann auf dieser schönen Erde keine Harmonie
entstehen.
© Text und Abb. Franz Alt
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Tibet
Weites Land zwischen Himmel und Erde
Helfried Weyer, Franz Alt
136 Seiten, 100 Farb-Abbildungen, gebunden
mit Schutzumschlag, Köhler Verlag
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