|
Ein Sommer in Baden-Baden
"Ein Sommer in Baden-Baden" dreht
sich nicht nur um einen Sommeraufenthalt in der
Kurstadt, wie die Lektüre bald offenbart,
sondern ist die Auseinandersetzung eines
sowjetrussischen Literaten des 20. Jahrhunderts mit
einer, wie man es nennen könnte, zentralen
Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts, mit
Fjodor Michailowitsch
Dostojewskij.
Das Tagebuch Annas, der jungen Frau Dostojewskijs,
ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Begleiter eines von Moskau nach Leningrad Reisenden
und dient sozusagen als Beleg für die
Rekonstruktionen dieses Zugreisenden. Diesem ist
Dostojewskijs Leben und künstlerisches Werk
bestens vertraut, gelingt es ihm doch, den
Ereignissen der Monate April bis August 1867
Vergangenes und Zukünftiges beizuordnen und
damit dem Leser Dostojewskij ebenso nahe zu
bringen, wie russische Lebens- und
Denkverhältnisse während zweier
Jahrhunderte anhand markanter Beispiele zu
verdeutlichen.
Wäre Dostojewskij nicht nach Baden-Baden
gereist, sondern beispielsweise in Dresden, einer
seiner Stationen dieser Reise, geblieben,
hätte Leonid Zypkin möglicherweise
Dresden nicht in den Titel eingebunden. So
dokumentiert er mit der Titelwahl jedoch die ihm,
dem 1926 Geborenen, der nie einen Fuß auf
nichtrussischen Boden setzen konnte, wie vielen
anderen seiner Zeitgenossen überlieferte
Bedeutung der einstigen "Sommerhauptstadt Europas"
für seine Landsleute im 19. Jahrhundert.
Anzutreffen sind sie alle in diesem "Sommer in
Baden-Baden", die einflussreichen Russen, die
Casino, Conversationshaus, Allee und die
großen Hotels bevölkern, und
gegenüber welchen Dostojewskij eine krasse
Außenseiterrolle einnimmt. Kontakte zu ihnen
bestehen nicht. Lediglich Iwan
Gontscharow, der im dem Casino gegenüber
gelegenen "Hotel
de l'Europe" logiert, wird von ihm um Geld
angegangen, und das Zerwürfnis zwischen
Dostojewskij und Iwan
Turgenjew wird von Leonid Zypkin
beleuchtet.
Die Wirtsleute des jungen Paares, das sich in der
heutigen Bäderstraße 2 eingemietet
hatte, schneiden in Anna Dostojewskajas Tagebuch
offenbar nicht sonderlich gut ab und
bekräftigen Dostojewskijs Meinung, "es
gäbe nirgendwo auf der Welt so viele Halunken
wie in Deutschland". Ein gewisser Spott ist
auszumachen bei Formulierungen wie: "Nach einigen
Minuten machten sie sich auf den Heimweg durch die
akkurat gepflasterten Straßen mit den akkurat
beschnittenen Bäumen, vorbei an den akkuraten
deutschen Häusern…"
Wenn dem Leser nicht klar wäre, dass Leonid
Zypkin Baden-Baden nie persönlich erlebt hat,
könnte er zurückspotten, er habe die
Kurstadt sehr frei beschrieben, denn als der Zug,
der die Dostojewskijs gen Basel bringen soll, die
Stadt verlässt, passiert Folgendes:
"An den Fenstern zogen die klassizistischen
Häuser mit den ziegel- und schiefergedeckten
Dächern vorüber. In der Ferne wurden die
grün bewaldeten Berge sichtbar. Auf einem von
ihnen standen die beiden Schlösser, das Neue
und das Alte. Jetzt, da sie für immer diese
Stadt verließen, sah sie erst wieder - wie am
Abend ihrer Ankunft - die Schönheit des
Städtchens und der Berge ringsum, hinter denen
irgendwo der Rhein bläulich schimmerte."
Dichterische Freiheit mag Leonid Zypkin bei seinen
verschiedenen Beschreibungen der Stadt zugestanden
werden, in einem hat er allerdings Recht: "Die
Schönheit des Städtchens und der Berge
ringsum" war im 19. Jahrhundert Wirklichkeit und
ist es auch im dritten Jahrtausend.
Den Deutsch sprechenden Lesewilligen von "Ein
Sommer in Baden-Baden" blieb bis zum Jahr 2006 nur
der Gang in die Bibliotheken oder Antiquariate, da
die 1983 erschienene deutsche Übersetzung von
Heddy Pross-Weerth im Handel nicht mehr
erhältlich gewesen ist.
Alfred Franks Übersetzung der Ausgabe des
Jahres 2006 weicht zuweilen im Wortlaut von der
ersten Übersetzung ab, was vor allem bei
Übersetzungen aus dem Russischen nicht
ungewöhnlich ist. So ist zur Abfahrt aus
Baden-Baden zu lesen:
"...rote Backsteingebäude mit
Ziegeldächern glitten an den Fenstern vorbei,
in der Ferne waren bewaldete Berge zu sehen, und
auf einem von ihnen das Neue und das Alte
Schloß mit den darüber aufragenden
Felsen - jetzt da sie für immer abfuhren,
wurde sie aufs neue, wie beim erstenmal, als sie
sich diesem Städtchen genähert hatten,
gewahr, wie schön es samt seiner bergigen
Umgebung war, in der Ferne glänzte das blaue
Wasser des Rheins auf..."
Die einfangende Spannung ist beiden
Übersetzungen indes gleichermaßen
gegeben.
Das Buch ist im Berlin Verlag erschienen.
Rezension:
Rika Wettstein, Baden-Baden
|
|

Ein Sommer in Baden - Baden
Von Leonid Zypkin
Aus dem Russischen von Alfred Frank, mit
einem Vorwort von Susan Sonntag
240 Seiten, Festeinband mit
Schutzumschlag, Berlin Verlag

|
|